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Dezember 2004: Man lernt nie aus: Wie kann man Eltern für die Bildung ihrer Kinder interessieren?

Der Lokale Bildungsverbund setzt sich zum Ziel, die Bildungseinrichtungen im Quartier zu vernetzen - zwei Projekte in Tiergarten Süd sollen das Engagement der Eltern aus dem Stadtteil stärken.
Tiergarten Süd ist der Standort mehrerer Kindertagesstätten, zweier Grundschulen, des Französischen Gymnasiums, der Volkshochschule und des Lernhauses Pohlstraße, also eines breiten Spektrums von Bildungseinrichtungen. Der Lokale Bildungsverbund (LBV) hat sich zum Ziel gesetzt, die Möglichkeiten all dieser Einrichtungen zu vernetzen und den Stadtteil als "integrierten Bildungsstandort" zu entwickeln. Hierzu werden bezogen auf verschiedene Themenfelder gemeinsame Strategien und Projekte entwickelt.
Aktuell werden zwei Seminarreihen für die Mitarbeiter der Bildungseinrichtungen beginnen, mit denen die Grundlagen für die Arbeit in den Jahren 2005/2006 gelegt werden. Themen sind die Bildungsreform und deren Auswirkungen auf die Bildungseinrichtungen, sowie die Vermittlung interkultureller Kompetenz.
Im Bereich Stärkung des Engagements der Elternschaft und zur Entwicklung von Angeboten für bildungsnahe Schichten stellen wir heute zwei Projekte vor.
Miriam Müller
Französisch lernen durch Spiel und Spaß
Eine der vielen Bildungseinrichtungen in Tiergarten Süd ist das Französische Gymnasium in der Derfflingerstraße. Doch in keiner der nahe gelegenen Grundschulen können Kinder bisher französisch lernen und sich so für das Französische Gymnasium qualifizieren. Überhaupt reichen die Angebote für eine zweisprachige Erziehung nicht aus, auch nicht an den Europaschulen.
Diese Erfahrung machten Miriam Müller, Mutter eines zweisprachig aufwachsenden Kindes, und ihre Mitstreiter, gründeten den Verein "Initiale" zur Unterstützung zweisprachiger Erziehung und merkten bald, wie recht sie haben. Die Nachfrage ist enorm.
An der Fritzlar-Homberg-Grundschule haben sich aus vier Klassen 37 Schüler gemeldet, die in drei Arbeitsgruppen Französischunterricht bekommen, in der Grips-Grundschule startet jetzt ein Probelauf mit vermutlich zwei Arbeitsgruppen. Und diese AGs sind nicht etwa kostenlose Angebote, die Eltern müssen dafür bezahlen.
Es ging zunächst darum, Eltern für den zweisprachigen Unterricht zu interessieren. Und dann ging es im weiteren darum, diese Zweisprachigkeit nicht erst in der Schule, sondern schon in der Kita zu beginnen. Die erste, die mitmacht, ist die Kita Bissingzeile.
Der Verein beschränkt sich keineswegs nur auf die Vermittlung der französischen Sprache. Er unterstützt die Bemühungen um einen zweisprachigen Unterricht für alle Sprachen und an allen Schulen und Kindertagesstätten.
Miriam Müller ist Diplomübersetzerin für französisch und englisch. "Ich möchte nicht mehr trocken vor einem Blatt Papier sitzen, sondern mit Menschen arbeiten." Sie hat zwei Jahre in Südfrankreich gelebt und dort schon einmal ein ähnliches Experiment gestartet, auch dort einen Verein gegründet, eine engagierte Lehrerin für deutsch-französischen Unterricht gefunden, der jetzt im zweiten Schuljahr dort läuft. "Es ist ja nicht nur das Erlernen der Sprache, man bekommt ja über die französische Sprache Kontakt zu so vielen Kulturen."
Wiebke Holtmann
Bildungsverein Mitte e.V.
Sie wohnt seit acht Jahren in der Pohlstraße, sie ist Mutter von vier Kindern, sie ist Elternsprecherin an der Fritzlar-Homberg-Grundschule, sie hat an dieser Schule mit dem musikbetonten Unterricht den Förderverein "Netzwerk" gegründet, sie hat das aus dem LOS-Programm gefördertes Projekt "Lernlabor" erfunden und betreut und jetzt mit anderen zusammen den "Bildungsverein Mitte e.V." gegründet. Wiebke Holtmann ist eine der Anwohnerinnen, die aus ihrer Erfahrung genau wissen, was für den Kiez notwendig ist oder weiterentwickelt werden sollte.
So gibt beispielsweise das neue Schulgesetz den Eltern viele neue Rechte und – natürlich – viele neue Pflichten. Darauf, sagt Wiebke Holtmann, sind viele Eltern nicht vorbereitet. Da sieht sie eine der Aufgaben des Bildungsvereins. Es geht darum, die Eltern zu informieren und zur Mitarbeit zu motivieren.
"Zusammengefasst will der Verein alle Menschen im Stadtteil miteinander in Verbindung bringen, die sich für bessere und qualifizierte Bildungsangebote interessieren, mit neuen Bildungsmöglichkeiten experimentieren und eigene Bildungsprojekte initiieren wollen."
Es geht ihr darum, auch für die Kinder Freizeitangebote zu schaffen, die nicht sozial auffällig sind. Sie möchte mit Hilfe des Vereins beispielsweise Ausflüge organisieren zu Veranstaltungen und Einrichtungen, die nicht in der allernächsten Umgebung liegen, zum Beispiel zum Botanischen Garten, zum Britzer Garten oder zur Kinder-Uni und so den Horizont der Kinder erweitern.
Mit dem "Netzwerk" veranstaltete Wiebke Holtmann Ende November in der Mensa der Fritzlar-Homberg-Grundschule ein Elternfest mit Live-Band und Tombola, bei der Dinge zu gewinnen waren, die von Geschäftsleuten aus der Umgebung gestiftet wurden. Geld zu sammeln für neue Instrumente, Notenliteratur oder für Ausflüge und kleine Reisen mit den Schülern ist die eine Aufgabe, die Eltern zusammen zu bringen, den Gedanken- und Erfahrungsaustausch zu fördern die andere. Die Bildungschancen der Kindern sind schließlich nicht unwesentlich abhängig vom Interesse der Eltern.
Wenn Kinder zusammen mit Künstlern musizieren, Theater spielen, malen oder bildhauern können, dann machen sie Erfahrungen, die weit über die im Unterricht zu vermittelnden hinaus gehen. "Kinder zum Olymp" heißt die Jugendinitiative der Kulturstiftung der Länder, die solche Projekte unterstützt. Wer da mitmachen will, muss herausfinden, was für eine Schule sinnvoll ist, muss sich bewerben, muss sich um Förderungen kümmern und so weiter. Wiebke Holtmann nimmt die Sache in die Hand, und im nächsten Jahr führt die Fritzlar-Homberg-Grundschule ein Stück in Anlehnung an Mozarts "Die kleine Zauberflöte" auf.






